War es eine Weissagung Jesu, dass der Tempel als zentraler Ort des Gebetes zu Gott im Jahre 70 n. Chr. bei der Eroberung Jerusalems durch römische Truppen zerstört werden würde? Überreste einer Umfassungsmauer des Tempels sind als Klagemauer bekannt, die als wohl bedeutendste Stätte des Judentums gilt. Der Autor des Johannesevangeliums dürfte zumindest im Blick gehabt haben, dass christliche Gemeinden, wo auch immer sie entstanden sind, davon wussten. Dabei geht die wissenschaftliche Forschung mehrheitlich davon aus, dass das Johannesevangelium um die erste Jahrhundertwende entstanden ist. Im Loslösungsprozess vom Judentum bekommt der „Tempel" für die Christen eine neue Bedeutung: Jesus selbst ist der Tempel Gottes, und in seiner Nachfolge sind die christlichen Gemeinden und jeder einzelne Christ Tempel des Heiligen Geistes.


Niederreißen und Aufgeben, Loslassen und Abgeben sind oftmals mit tiefgreifenden Ängsten besetzt. Noah baute eine Arche, ohne zu wissen, was nach der Sintflut kommen würde. Abraham verließ seine Heimat und zog los, ohne zu wissen, wohin ihn Gott führen würde. Moses führte sein Volk aus Ägypten durch die Wüste, ohne zu wissen, wann sie ins gelobte Land kommen würden. Die ersten christlichen Gemeinden sahen sich über Jahrhunderte hinweg Verfolgungen ausgesetzt, viele Christen dieser Zeit starben den Märtyrertod. Ordensleute prangerten die skandalösen Missstände der Kirche des Mittelalters an und wurden dafür oftmals als Ketzer verachtet. Martin Luther, der selbst nicht die Spaltung wollte, wurde für seine berechtigte Kritik vom Papst mit dem Bann belegt.

Den Tempel niederzureißen steht in unserer heutigen Zeit in einem dramatischen Zusammenhang: Die aktuellen Rekord-Austrittszahlen und der weiter voranschreitende Säkularisierungsprozess, die Zusammenlegung von Pfarreien und die Immobilienreform fordern uns Christen heraus. Es ist Zeit uns wieder neu darauf zu besinnen, wie wir als christliche Gemeinden und als einzelne Christen in der Nachfolge Jesu leben wollen.

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